Wenn der Sprung ins kalte Wasser zum großen Abenteuer wird
Wolken bedecken den Himmel über dem Bostalsee in der Gemeinde Nohfelden im nördlichen Saarland. Ab und an beginnt es leicht zu regnen, während die Athletinnen und Athleten im Strandbad Bosen darauf warten, dass der Triathlon-Wettkampf über die Sprintdistanz bei den Nationalen Spielen 2026 von Special Olympics endlich beginnt und sie beim deutschen Höhepunkt der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung zeigen können, wie sportlich sie trotz Einschränkung jeweils sind. Der am Dienstag für 11 Uhr angesetzte Start verzögert sich, weil die Sanitäter, die bei einer der ersten Medaillen-Entscheidungen beim größten Sportereignis in der Geschichte des Saarlandes eingeteilt waren, kurzfristig einen anderen Einsatz wahrnehmen mussten. Die zehn Teilnehmer am Triathlon-Sprint der Spiele müssen sich demnach in Geduld üben, bis sie die 750 Meter Schwimmen im Bostalsee, die zehn Runden auf dem Rad mit einer Gesamtlänge von 21 Kilometern sowie den abschließenden Lauf mit vier Runden und insgesamt 4,7 Kilometern in Angriff nehmen dürfen. Um 11:48 Uhr kommt schließlich Bewegung ins Starterfeld und in die Organisation – es kann losgehen.
Die Sportler positionieren sich unten am Wasser, rund 150 Zuschauer, unter ihnen Joachim Tesche, der Vorstand Finanzen beim Landessportverband für das Saarland (LSVS) und damit einem der drei Gastgeber der ersten Nationalen Spiele im Saarland, fiebern und machen mit, als der Start-Countdown über die Lautsprecher von zehn auf null heruntergezählt wird. Inzwischen ist der Regen etwas stärker geworden. Den Athleten ist das herzlich egal, werden sie doch so oder so gleich komplett nass – unter dem Jubel der Zuschauer stürzen sie sich ins kühle Nass. Auf der ersten von zwei Runden um einen mit großen gelben Bojen markierten Bereich im Bostalsee schwimmt sich Stefan Weidner gleich einen großen Vorsprung heraus und steigt nach einer knappen Viertelstunde als erstes wieder aus dem Wasser. Der 49-Jährige aus Würzburg in Unterfranken läuft den ansteigenden Weg zur Wechselzone hinauf, wo er von mehreren Zuschauern mit Applaus empfangen wird. Das Ausziehen des engen Neoprenanzugs nimmt nach dem anstrengenden Part im Wasser einige Zeit in Anspruch. Danach schlüpft Weidner so schnell es geht in seine Radschuhe, setzt den obligatorischen Schutzhelm auf, schnallt sich seine Startnummer mit der 37 darauf um die Hüften – und schnappt sich seine Zeitfahrmaschine, mit der er das Strandbad für den zweiten Triathlon-Teil auf dem Rad verlässt.
Erst Anlaufprobleme, dann Aufholjagd: Anfeuerung treibt Christian Natho zum Gold
Während nebenan auf dem Beachvolleyball-Feld gerade eine Gruppe italienischer Sportler als eine von insgesamt zwölf ausländischen Delegationen bei den Nationalen Spielen im Saarland eine Trainingseinheit absolviert, steigt Christian Natho als Zweiter aus dem Wasser und nimmt nach dem Prozedere in der Wechselzone die Verfolgung auf – gut zwei Minuten nach Weidner. Auch der 39-jährige Magdeburger wird von den Besuchern und den vielen „Volunteers“ vor Ort, den freiwilligen Helfern in ihren roten Jerseys, lautstark angefeuert. Gleiches gilt für Sofia Plutat, die als erste Frau auf die Radstrecke geht – und auch dort erleben die Special Sportler bei jeder Passage auf dem zehn Mal zu befahrenden Rundkurs große Unterstützung vom Streckenrand. „Die Anfeuerung während des Rennens war wirklich sehr gut, das motiviert natürlich“, lobt Christian Natho lächelnd den Einsatz der Zuschauer – nachdem er seine Aufholjagd erfolgreich gekrönt hat. Als erster Läufer kehrt er in einer Gesamtzeit von 1:23:25 Stunde wieder zum Strandbad Bosen zurück und passiert dort unter großem Beifall erschöpft, aber glücklich den in lila und rot gehaltenen großen Start- und Zielbogen. „Ich hätte nicht erwartet, dass ich Erster werde – ich freue mich sehr darüber“, erklärt der für die Pfeiffersche Stiftungen Magdeburg antretende Triathlet aus Sachsen-Anhalt nach dem Triumph in der Leistungsklasse 1.
Zumal sein Start in den Wettkampf sich recht schwierig gestaltet hat. „Ich hatte Startprobleme, weil es mir sehr schwerfiel, mit dem Kopf ins Wasser einzutauchen und ich so meinen Rhythmus anfangs nicht finden konnte. Normalerweise trainiere ich in meiner Schwimmhalle, das hier war eine Umstellung“, verrät Natho nach seiner siegreichen Saarland-Premiere. „Die Eröffnungsfeier gestern war super. Die Wettkampfstätte hier gefällt mir sehr gut“, schildert er erste Eindrücke im für ihn bis dato unbekannten Bundesland. Die Goldmedaille im Triathlon-Sprint, dem am Nachmittag vor Ort noch der kürzere Super Sprint in drei Leistungsklassen und die Super Sprint-Staffel folgen, lässt ihn aber sicher stets mit Wohlwollen auf den hiesigen Aufenthalt zurückblicken. Egal, was beim noch folgenden Auftritt im Freiwasserschwimmen herauskommt: „Mit diesem Auftakt ist es einfach super für alles, was noch kommt“, sagt der stolze Triathlon-Sieger. Doch egal, ob Sieger oder nicht, am Ende gilt das, was Katharina Nolde von einem Betreuer bei den Lausitzer Werkstätten zugerufen bekommt, für alle Teilnehmer: „Du bist ein Held, Rina. Richtig klasse“, wird der Drittplatzierten der Leistungsklasse 2 beim Wechsel aufs Rad zugejubelt.
Helden der Fairness und Herzlichkeit: Große Gesten auf dem Rad und auf zwei Beinen
Überhaupt geht es beim Wettkampf unter den Triathleten überaus fair und herzlich zu – wie eine Szene nach dem Wechsel vom Rad in die Laufschuhe zeigt. Judith Hendriks hat den Rad-Part fast beendet, erreicht den Beginn der Wechselzone am Eingang zum Strandbad Bosen, während Michael Lofink von der Johannes Diakonie Mosbach diesen mit seinem Unified-Partner Harald Ernst – sie sind das einzige inklusive Unified-Tandem des Wettbewerbs – gerade verlässt. Beim Vorbeifahren fährt Hendriks ihre linke Hand aus und klatscht kurzerhand mit beiden Läufern ab – eine schöne Geste, wie es sie an diesem Tag am Bostalsee zahlreich zu sehen gibt. „Der Michael hat mich erst überholt auf dem Rad, ist da richtig stark gefahren – und ich habe ihn von hinten noch weiter angefeuert. Als ich ihn beim Laufen wieder überholt habe, hat er mich dann ganz toll angefeuert“, erzählt Hendriks. Genau das mag sie besonders an den Wettkämpfen dieser Art: „Was ich sehr schätze an den Special Olympics ist, dass die Teilnehmer sich untereinander alle so freundlich und nett begegnen, sich gegenseitig anfeuern beim Rennen“, unterstreicht die 51-Jährige aus Emmerich vom Niederrhein: „Egal, ob Erster oder Letzter, Hauptsache jeder gibt sein Bestes“, lautet nicht nur ihr persönliches Motto. Für Judith Hendriks ist es der erste Triathlon über diese kurze Distanz gewesen, „weil es mir eigentlich zu hart, zu anstrengend ist. Ich mache lieber die längeren Distanzen, da geht es nicht direkt von Beginn an in die Vollen“, erläutert die schnellste Frau der Leistungsklasse 1, nachdem sie sich halbwegs von den Strapazen über gut eineinhalb Stunden erholt hat.
Besondere Woche am Bostalsee: Israel siegt im Saarland, wo letztlich alle Gewinner sind
„Es hat richtig wehgetan, aber auch richtig viel Spaß gemacht“, betont sie nach ihrem Premierenwettkampf bei Nationalen Spielen von Special Olympics, wo eben nur kürzere Distanzen auf dem Plan stehen. Hendriks wollte sich die Teilnahme diesmal jedoch nicht entgehen lassen – und so wagte sie mit reichlich Unsicherheit im Hinterkopf einen ebenso symbolischen wie tatsächlichen „Sprung ins kalte Wasser“ des Bostalsees. „Ich habe mir an Ostern den Fuß gebrochen, konnte lange nicht trainieren und wusste gar nicht, ob er tatsächlich hält“, erläutert Hendriks – doch der Fuß hält bestens und so kann sie ihr alkoholfreies Weizenbier nach dem Wettkampf in vollen Zügen genießen. Auch beim Zweitplatzierten Weidner, der gut zwei Minuten nach Natho das Ziel erreicht, schwingt nach seinem Sprung ins kalte Wasser viel Zufriedenheit mit. „Das war heuer mein erster Triathlon. Ich habe vor allem trainiert, Wettkämpfe in diesem Jahr ausgelassen und mich auf die Nationalen Spiele konzentriert – daher war es für mich schon ein ziemliches Abenteuer heute“, verrät der Silbergewinner, dem die Freude später bei der Siegerehrung ins Gesicht geschrieben stand. Beim Laufen habe er schwere Beine bekommen und schwer zu seinem Rhythmus gefunden – doch wie alle Special-Triathleten vor Ort meistert er mit seinem Sportsgeist die Herausforderung. Das gilt auch am Nachmittag beim Super Sprint, wo sich im Wettkampf der Unified-Staffeln die Delegation Israels vor drei Staffeln der am Bostalsee zahlenmäßig stark vertretenen Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg den Sieg sichert – am ersten Tag einer besonderen Woche am Bostalsee, die abseits sportlicher Topleistungen im Zeichen von Fair Play, gegenseitigem Respekt und ganz viel Herzlichkeit über die Bühne ging.

