Das WBFA und die Ruhe nach dem großen Ansturm

LSVS

Das Wettbewerbsfreie Angebot (WBFA) im Rahmen der Nationalen Spiele 2026 für Menschen mit geistiger Behinderung lockte neben vielen Special Olympics-Athleten tausende Schüler ins Abenteuerland am SPORTCAMPUS SAAR in Saarbrücken – zumindest am Vormittag, ehe die Hitzewelle während der Spiele die Temperaturen in unerträgliche Höhen schießen ließ.

Der Himmel über dem Leichtathletik-Stadion am SPORTCAMPUS SAAR in Saarbrücken ist an diesem Freitagmorgen komplett wolkenfrei, so wie schon an beiden Vortagen der Fall. Für diejenigen, die vor Ort das Wettbewerbsfreie Angebot (WBFA) im Rahmen der laufenden Nationalen Spiele 2026 von Special Olympics (SO) erleben wollen – und das sind eine ganze Menge –, ist der Anblick zunächst mal positiv. Denn Niederschläge jeglicher Art, die bei Sportveranstaltungen unter freiem Himmel eigentlich nie auf Gegenliebe stoßen, sind so immerhin ausgeschlossen. Die Krux sind die für Juni ungewöhnlich hohen Temperaturen, die sich speziell in der zweiten Hälfte dieser historischen Woche für das Saarland einstellen und das größte Sportereignis seiner Geschichte auf die Probe stellen. Schon am Vormittag rückt das Thermometer nah an die 30 Grad an, im Eingangsbereich fällt am ersten Stand auf dem Gelände eine der wichtigsten Maßnahmen auf, die bei erwarteten Tageshöchstwerten von über 35 Grad getroffen wurde, um die Hitzewelle zu meistern: Trinkwasser in rauen Mengen steht dort bereit, schließlich ist regelmäßige Flüssigkeitszufuhr bei solch krassen Bedingungen das A und O.  

Für alle gemacht, zusehends wichtiger: Wettbewerbsfreies Angebot als fester Bestandteil

Viel spielen, viel Spaß haben – und noch mehr trinken: So lautet demnach das modifizierte Tagesmotto. Vor allem Kinder erwartet eine große Abenteuerwelt hinter dem vordersten Stand, wo Christina Scheffler-Dupré mit zwei „Volunteers“, den freiwilligen Helfern bei den Nationalen Spielen von Special Olympics, am Morgen bereits etliche Mitmach-Pässe an die meist jungen Besucher ausgegeben hat. Beim deutschen Hauptereignis der weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung ist das Wettbewerbsfreie Angebot (WBFA) in erster Linie eine sportliche Alternative für diejenigen, denen es ihr Handicap schlicht nicht erlaubt, am offiziellen Programm mit 27 Sportarten an 23 Sportstätten im Saarland und Forbach in Frankreich teilzunehmen. „Das Angebot ist sehr niedrigschwellig, sodass jeder ganz leicht mitmachen kann“, sagt Scheffler-Dupré, die als Präsidiumsmitglied des SO-Landesverbands die Leitung im Saarland innehat und vor Ort als Ansprechpartnerin für die Besucher bereitsteht. Das WBFA ist Teil einer jeden Special Olympics-Veranstaltung, auch bei den Landesspielen im vergangenen September lief es parallel zum offiziellen Wettkampf, lag weiter oben auf dem Gelände etwas versteckter.  

Beim größten inklusiven Sportfest Deutschlands, das 14.000 für die Spiele akkreditierte Personen aus ganz Deutschland und dem Ausland herlockt, ist der populäre Ort der Bewegung und Begegnung anhand der zentralen Lage für alle Gäste am SPORTCAMPUS SAAR schwer zu übersehen. Rund 2.500 Teilnehmer am WBFA waren prognostiziert worden. „Für die Woche während der Spiele haben sich weit über 4.000 Teilnehmer angemeldet, in erster Linie Kindergarten- und Grundschulkinder“, berichtet indes Scheffler-Dupré. Die große Hitze dürfte zwar einige mehr abgehalten haben, das große Interesse spricht aber für eine Aussage der Leiterin: „Das WBFA wird für die Förderschulen geistige Entwicklung immer wichtiger, weil immer mehr Schüler die offiziellen Wettkämpfe nicht machen können. Und im Bereich der Förderschule bewegen sich generell noch längst nicht alle ausreichend“, weiß Scheffler-Dupré, die bei den Nationalen Spielen von Präsidiumskollegin Birgit Quien als WBFA-Leiterin unterstützt wird.

Viele helfende Volunteers, Medaillen für alle und eine Siegerehrung, die begeistert

An den Stationen sind es vor allem die Volunteers in ihren markanten roten T-Shirts, die sich um die Gäste kümmern. Die Laufkarte zählt 15 mögliche Stempelabdrücke. Um was es jeweils geht, wird nur bildlich angedeutet – und viele Kinder vor Ort rätseln mit angeregter Fantasie, was die Darstellung bedeuten mag. Mohamad, Schüler am Saarbrücker Rotenbühl-Gymnasium, betreut die auf der Karte durch eine Brücke über einen Fluss angezeigte Station. „Brücken bauen“, so laute die Aufgabe, bei der mit Schaumstoff-Elementen, die sich verbinden lassen, eine Brücke gespannt werden soll. „Kreativ sein, darum geht es hier“, erklärt der 18-Jährige, der wie viele Mitschüler vor Ort ein Sozialpraktikum absolviert. Vor ihm „beraten“ drei Jungs den Aufbau ihrer Brücke, gegenüber üben zwei Mädels mit bunten Seilen die wichtigsten Seemannsknoten. Dahinter auf der Wiese, wo es nach dem Start um 9 Uhr spätestens zur Mittagszeit ohne Schutz unerträglich heiß wird, schwingen zwei Mädchen mit Mütze den Tennisschläger. Zurück auf der Laufbahn, wo unzählige Kinder die Stationen belagern, warten als nächstes die Schatzsuche mit Schaufel und das bunte Schwungtuch. „Wir wollen spielerisch die Freude an Bewegung und anknüpfend die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers fördern“, erklärt Scheffler-Dupré den pädagogischen Ansatz des WBFA.

„Hierher kann einfach jeder kommen, ob mit Beeinträchtigung oder ohne. Es geht um Spaß, Spiel und Sport. Es wird keine Leistung verlangt, gibt aber Medaillen und eine Siegerehrung für jeden, der zumindest zwei, drei Stempel hat“, verrät die Leiterin. Und speziell die Siegerehrungen, die hinter dem Pavillon- und Sonnenschirm-Reigen im Akkord über die Bühne gehen, sind ein echter Hingucker und für viele junge Menschen auf dem dortigen Podest eine Riesenmotivation. Direkt neben der großen Halle 8, wo parallel die Tischtennis-Wettbewerbe der Nationalen Spiele mit hunderten Startern in vollem Gang sind, empfangen Anna aus Spiesen-Elversberg und Petra aus Stuttgart die „Sieger“ bestens gelaunt im goldenen Strohhut. Gerade bescheren sie vier jungen Frauen die verdiente Ehrung, bei der als oberste Regel gilt: „Wer auf die Bühne geht, der tanzt“, sagt Anna – und macht mit Petra einsatzfreudig vor, wie das aussehen könnte. Natürlich zu lauter Musik, die Uwe am Mischpult im Pavillon an der Bühne regelt. Mit seiner Energie und sympathischen Art schafft das Trio es spielerisch, so gut wie jeden Bühnengast zum Mitmachen zu animieren. Die vier Teenie-Mädchen müssen derweil nicht groß überzeugt werden. Sie tanzen sofort mit, dann bekommen sie die Medaille um den Hals und steigen nach einer gemeinsamen LaOla-Welle zum Abschluss vergnügt wieder vom Podium.

Dank eines Trios, viel Tanz und Musik ein bisschen glücklicher nach Hause 

Von 9 bis 16 Uhr sind Anna und die Stuttgarter Petra und Uwe in dieser Woche durchgehend jeden Tag mit ihrem stimmungsvollen Zeremoniell am Start – und lassen auch nach der soundsovielten Ehrung des Tages nicht nach in ihrer Leidenschaft. Das liegt laut Uwe an der großen Bedeutung, die sie der Special Olympics-Bewegung generell beimessen und wie sie diese vor vier Jahren kennengelernt haben. „In Berlin haben wir bei den Nationalen Spielen 2022 erstmals reingeschnuppert – das war einfach legendär, eine tolle Erfahrung. Seitdem sind wir regelmäßig bei den Veranstaltungen und geben unser Bestes, um zu unterstützen“, erläutert der auch als Moderator tätige Schwabe. „Die Leute sollen ein bisschen glücklicher gehen, als sie gekommen sind“, nennen Petra und er den persönlichen Auftrag an sich selbst. Und Anna, auch seit Berlin 2022 mit dem „Special Olympics-Virus“ infiziert, bestätigt: „Wir wollen einfach, dass alle mit einem guten Gefühl von der Bühne gehen und happy sind“ – was die drei „Podestkünstler“ wie erwähnt fast jedes Mal schaffen. „Tanzen und Musik sind Sprachen, die jeder auf der Welt versteht“, weiß Uwe. Und so sind auch die vielen Schüler aus dem französischen Freyming-Merlebach engagiert bei der Sache, nachdem sie sich im Schatten der Sporthalle von der Hitze erholt haben. Längst ist klar, dass die Worte von Scheffler-Dupré, „einen Besuch der Siegerehrung sollte man sich nicht entgehen lassen“, keineswegs zu viel versprochen haben.

Die Leiterin wird am Empfang unterstützt von Emil Tchang und Sarah Kassmu vom Rotenbühl-Gymnasium. Für beide ist es die erste Veranstaltung dieser Art – und die hinterlässt bleibenden Eindruck. Sie habe es sich ganz anders vorgestellt, sagt die 17-jährige Sarah: „Etwas langweiliger, dass nicht so viel los ist.“ Doch speziell morgens, bei erträglichen Bedingungen galt: „Es war jeden Tag richtig viel los. Toll, dass so viele Schulklassen und Kindergruppen herkommen. Auch nichtschulische Gruppen waren da“, erzählt die Gymnasiastin. Gestern habe eine Frau gefragt, ob sie mitmachen und spontan noch einige Bekannte dazu holen dürfe – „und sie kam tatsächlich in Begleitung wieder“, fährt Sarah Kassmu lächelnd fort. „Ich finde die Stimmung so geil und so schön, alle Menschen hier sind echt nett, ob Volunteers, Athleten oder Offizielle. Es macht sehr viel Spaß“, betont die Saarbrückerin. Nach der „Tierstation“ des WBFA, wo Tiergeräusche zu erraten sind, hilft sie nun am Empfang, den Mitschüler Emil als ein weiterer der insgesamt 3.100 Volunteers bei den Nationalen Spielen bereits länger kennt. Er habe nicht viel über Special Olympics gewusst, sagt der 17-Jährige, inzwischen aber „einen besseren Einblick bekommen und Menschen kennengelernt, die vielleicht andere Probleme haben, aber nicht groß anders sind als – in Anführungszeichen – normale Menschen“, erläutert Emil. Es sei „gut und wichtig, sie zu integrieren, ob im Sport oder generell in unserer Gesellschaft.“ Im WBFA, so war zu hören, seien schon viele introvertierte junge Menschen mit jedem kleinen Erfolgserlebnis, das sie dort in der Gemeinschaft mit anderen hatten, selbstbewusster geworden, und es fiel ihnen leichter sich zu öffnen und neue Kontakte oder gar Freundschaften zu knüpfen.

WBFA am SPORTCAMPUS SAAR: Hochbetrieb am Morgen, trotz Hitzewelle ein Höhepunkt

Der Spaß stand den tausenden eifrigen Teilnehmern am WBFA meist ins Gesicht geschrieben. Fröhliche, spielfreudige und lachende Kinder, die mit Vergnügen die Stationen absolvieren, gab es während der Spiele haufenweise zu sehen. Die Rekordhitze im Juni konnte daran nichts ändern – zumindest nicht vormittags. „Morgens waren wir durchweg sehr gut besucht“, hält Scheffler-Dupré fest. Ab Mittag legt sich auch an diesem nächsten so heißen Tag eine große Stille über die Leichtathletik-Anlage am SPORTCAMPUS SAAR. „Wenn die Schüler um 12 Uhr wieder gehen, weil sie zur Schule zurückmüssen, wird es hier doch sehr ruhig“, bestätigt die Leiterin beim Blick auf das eben noch so dicht bevölkerte Areal, wo sich zur Mittagszeit nun gähnende Leere breitmacht – und dennoch: Das Wettbewerbsfreie Angebot bei den Nationalen Spiele im Saarland half anhand tausender glücklicher Teilnehmer, die mit leuchtenden Augen wieder gingen, und als fester und wichtiger Bestandteil von Special Olympics entscheidend mit, dass der nationale Höhepunkt im Saarland trotz Hitzewelle ein großer Erfolg wurde. Das saarländische Sommermärchen mit tausenden Gästen aus Deutschland und Europa wurde ganz klar auch im Abenteuer-Parcours am SPORTCAMPUS SAAR geschrieben.  
 

Text: David Benedcyzuk.