Das Saarland hat sich als Gastgeber bewährt

Fachverbände

Alexander Indermark war einer der wichtigsten Architekten der Special Olympics Nationalen Spiele Saarland 2026. Als Präsident von Special Olympics Saarland und Vorsitzender des Länderrates von Special Olympics Deutschland zieht er nun, einige Wochen nach dem Ende der Veranstaltung, eine erste Bilanz – und ist überzeugt: Das Saarland hat sich als Gastgeber bewährt.

Herr Dr. Indermark, wie haben Sie die Special Olympics im Saarland rückblickend erlebt?

Alexander Indermark: Es war vor allem ein Erfolg. Wir als Landesvertreter wussten, dass Special-Olympics-Veranstaltungen Emotionen erzeugen können. Unsere Idee war, dass diese Emotionen auf breiter Fläche im ganzen Saarland entstehen – und genau das ist eingetreten. Auch rein operativ bin ich sehr zufrieden: Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung passiert natürlich mal etwas – zu wenig Essen an einer Stelle, zu wenig Sonnenschutz an einer anderen, plötzlich ein paar Prozessionsspinner-Raupen, die für Unruhe sorgten. Aber nichts davon hat die Veranstaltung wirklich gefährdet. Das merke ich an mir selbst, wenn ich zurückblicke, aber auch an den Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus anderen Bundesländern, die extrem begeistert waren.

Im Vorfeld gab es hohe Erwartungen – bei den Athletenzahlen ebenso wie bei den Zuschauerzahlen. Ist am Ende alles so eingetroffen, wie Sie es sich erhofft hatten, oder gab es Einbußen?

Indermark: Es gab einzelne Absagen in einem kleineren einstelligen Prozentbereich, weil Athletinnen und Athleten verletzt oder krank waren. Aber die Größenordnung ist gleichgeblieben. Bei den Zuschauerzahlen hatten wir die Idee, dass wir über die Tage rund 100.000 Besucherinnen und Besucher an den Sportstätten haben – das war ambitioniert, denn bislang kannte Special Olympics es nicht, dass Menschen aus der Bevölkerung einfach kommen und zuschauen. Nach unseren Schätzungen sind wir am Ende auf etwa 110.000 gekommen.

Was hat aus Ihrer Sicht dazu beigetragen, dass so viele Menschen kamen, die vorher nichts mit Special Olympics zu tun hatten?

Indermark: Es war schon immer so, dass unsere Sportstätten für Zuschauer frei zugänglich waren. Aber es gab noch nie eine so große, umfassende Kampagne davor – das hat Special Olympics Deutschland bislang nie in dieser Form gemacht. Wir haben das über zwei Jahre aufgebaut, mit vielen Rahmenprogrammen. Besonders hervorheben möchte ich unser Schul- und Fanprojekt: Wir haben allen Schulen im Saarland angeboten, dass wir zu ihnen kommen und Workshops zu Inklusion und Beeinträchtigungen anbieten. Das haben wir schon einmal bei den Nationalen Winterspielen vor gut zwei Jahren in Thüringen gemacht – damals hatten sich 30 Klassen gemeldet. Bei uns waren es über 200 Klassen, die in irgendeiner Form involviert waren und die dann auch zu den Spielen gekommen sind. Das hat noch einmal einen ganz anderen Impact.

Was bleibt von diesem Effekt jetzt, nach dem Ende der Spiele?

Indermark:  Mit einigen Schulen werden wir jetzt nachhaltige Kooperationen aufbauen, etwa zwischen Regelschulen und Förderschulen im Sportbereich. Da sind bereits einige Projekte entstanden, die wirklich wirken – und wir merken, dass diese Nachfrage nicht abebbt. Wir bekommen weiterhin Anrufe von Sportvereinen, die eine Inklusionsgruppe aufbauen möchten und fragen, wie sie das angehen können. Darüber sind wir sehr froh.

Sie sprechen von Nachhaltigkeit auch über die Infrastruktur hinaus. Was merken Sie sonst noch, dass etwas bleibt?

Indermark:  Unsere Bekanntheit ist noch einmal eine ganz andere geworden – gerade für Menschen aus der eigentlichen Zielgruppe. Menschen mit Beeinträchtigungen sowie deren Familien und Betreuerinnen und Betreuer nehmen uns jetzt anders als Ansprechpartner wahr. Wir merken einen großen Zulauf, wenn Eltern fragen: Mein Sohn möchte gerne schwimmen gehen, wo habt ihr Angebote? Bei Inklusion und Teilhabe geht es ja nicht nur darum, ein Angebot zu schaffen, sondern auch darum, dass dieses Angebot bekannt ist. Und das ist jetzt gegeben. Unsere Mitgliederzahlen sind schon im Zuge der Vorbereitung deutlich gestiegen, und wir bekommen auch jetzt noch, nach den Spielen, neue Mitgliedsanträge – auch bei den Special-Olympics-Sportvereinen, die den Sport vor Ort anbieten. Wie nachhaltig das am Ende wirklich war, werden wir aber wohl erst in zwei Jahren beurteilen können.

Gibt es schon konkrete Pläne, in diesem Bereich weiterzumachen – vielleicht sogar international?

Indermark: Das ist noch zu früh. Natürlich wird es weitere Special-Olympics-Veranstaltungen im Saarland geben, aber für eine Größenordnung wie die Nationalen Spiele bräuchte es eine deutlich ausführlichere Planung. Derzeit gibt es dazu keine konkreten Pläne – wir konzentrieren uns jetzt auf unsere Landesspiele, die der Landesverband im nächsten Jahr veranstaltet. Es gibt aber kleinere Ideen, etwa ob wir in einzelnen Sportarten eine eigene Veranstaltung machen, ein europäisches Fußballturnier oder ein internationales Leichtathletikturnier – das ist im Gespräch. Und was gerade aktuell ist: Einige Fachverbände versuchen, nationale Veranstaltungen ins Saarland zu holen, die gar nichts mehr primär mit dem Behindertensport zu tun haben. Wir haben mit den Nationalen Spielen eine Blaupause dafür geboten, dass auch der Regelsport hier gut aufgehoben ist und entsprechende Veranstaltungen im Saarland gut durchgeführt werden können.

Sie haben betont, dass alle gesellschaftlichen Bereiche mitgemacht haben – Wirtschaft, Politik, Vereine, Schulen. Möchten Sie dafür noch einmal ein Wort des Dankes richten?

Indermark: Ja, absolut. Der Dank richtet sich nicht nur an die Volunteers und die Institutionen hier im Saarland, sondern in besonderem Maße auch an die Saarländerinnen und Saarländer selbst. Eine kleine Anekdote dazu: Ich habe mit einer Mutter gesprochen, die mit ihrem Sohn mit Down-Syndrom zu zweit angereist war, weil sein Verein aus terminlichen Gründen nicht mitkonnte. Er hatte in Homburg beim Judo teilgenommen, sie hat dort in einem Hotel übernachtet und sich vor allem in Homburg bewegt – das war ja gar nicht das Zentrum unserer Veranstaltung. Sie sagte mir, sie habe sich mit ihrem Sohn in der Öffentlichkeit, auch im Urlaub, noch nie so willkommen und zu Hause gefühlt wie hier. Sie war zum Beispiel in einem Restaurant in Homburg, und sie hat gespürt, dass die Menschen dort gesehen haben: Da ist ein Athlet, der trägt seine Medaille – und sie haben applaudiert und ihn begrüßt, obwohl sie mit der Veranstaltung gar nichts zu tun hatten. Sie wussten einfach, was Sache ist. Ich glaube, dass genau das im Saarland wirklich groß war, und das sagen auch alle, die wieder abgereist sind: diese Wucht und dieses Commitment für das Thema. Ich glaube, das hat gerade die Athletinnen und Athleten aus den ostdeutschen Delegationen besonders bewegt, weil sie dort vor ganz anderen gesellschaftlichen Herausforderungen beim Thema Inklusion stehen.

Was sagt Ihnen diese Geschichte im Rückblick?

Indermark: Sie zeigt im Hintergrund auch etwas sehr Trauriges: Der Sohn war neunzehn oder zwanzig Jahre alt, die beiden werden also schon öfter irgendwo unterwegs gewesen sein. Wenn eine Mutter mit ihrem Kind vorher nie wirklich das Gefühl hatte, willkommen zu sein, ist das eigentlich ein sehr trauriges Bild. Umso schöner, dass es hier im Saarland anders war.

Gab es auch Dinge, die nicht so gelaufen sind, wie Sie es sich gewünscht hätten?

Indermark: Ja, die gibt es. Das waren zum Teil klassische Fehler bei uns. Unsere Software etwa, die für die gesamte Akkreditierung und das Volunteer-Management zuständig war, war für unseren Verband neu und hat deutliche Schwächen gezeigt. Die Kommunikation lief teilweise schleppend, einiges hat nicht funktioniert – auch für die Volunteers war das zum Teil ärgerlich. Das muss man zugeben. Wir sind jetzt mit dem Bundesverband in der Fehleranalyse, das betrifft eher die Bundesebene als uns hier im Saarland. Aber es hat insgesamt ausreichend gut geklappt, dass die Veranstaltung selbst darunter nicht gelitten hat. Das ist am Ende auch ein positives Zeichen: dass wir trotz dieser Schwierigkeiten im Hintergrund die Sache gut über die Zeit gebracht haben.

Was war sonst herausfordernd?

Indermark: Es war zwischenzeitlich sehr heiß, das war für Athletinnen und Athleten wie für Zuschauerinnen  und Zuschauer eine Herausforderung. Da mussten wir bei Wasserversorgung und Schattenplätzen nachsteuern – aber das gehört zu einer solchen Veranstaltung dazu, da würde ich nicht sagen, dass etwas schiefgelaufen ist. Unser Sicherheitskonzept hat insgesamt sehr gut funktioniert, und das ist essenziell: Eine Veranstaltung dieser Größenordnung birgt allein durch die Logistik gewisse Sicherheitsrisiken. Wir hatten außerdem eine israelische Delegation dabei, was ehrlicherweise auch ein potenzielles Ziel für Übergriffe von außen hätte sein können. Zum Glück ist es dazu nicht gekommen. Bei den Kleinigkeiten, die es gab – etwa bei Verletzten –, haben unsere Informationsketten funktioniert. Dafür waren wieder die Volunteers und Ehrenamtlichen vor Ort verantwortlich, die an den Sportstätten gute Arbeit geleistet haben. Für uns ist wichtig, sagen zu können: Wir sind für außerordentliche Ereignisse in unseren Strukturen vorbereitet – auch wenn klar ist, dass es keinen hundertprozentigen Schutz gibt.

Was möchten Sie abschließend zur Bilanz sagen?

Indermark: Eine wirkliche Bilanz würde ich gerne erst in ein bis zwei Jahren ziehen. Im Moment ist es eher eine emotionale Bilanz: Die Stimmung war toll, wir haben die Bilder produziert, die wir wollten. Die eigentliche Bilanz zur Nachhaltigkeit können wir gerne in ein, zwei Jahren noch einmal besprechen. Ich bin aber guter Dinge und eigentlich schon ziemlich sicher, dass wir am Ende auf einem höheren Niveau herauskommen, als wir vorher waren. Dass dieser Hype nicht endlos so weitergehen kann, war uns vorher klar, und das ist auch in Ordnung – es gibt ja auch andere Themen in dieser Welt. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden, auch wenn es jetzt etwas ruhiger um uns wird. Spätestens im März, wenn wir unsere Landesspiele mit den Wintersportarten in Spiesen-Elversberg ausrichten, wird man wieder viel von uns hören.

Das Interview hat Sebastian Zenner für das SaarSport Magazin - Ausgabe 03-2026 geführt.